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Verschwommene Grenzen in Gütersloh

Die gemeinnützige Stiftung des Medienkonzerns Bertelsmann sieht sich gerne als Reformwerkstatt - Kritiker halten ihre Nähe zu Politik und Wirtschaft für gefährlich

VON ANNA MAROHN (KÖLN)

Die mahnenden Stimmen werden immer lauter: Der Medienriese profitiere von der gemeinnützigen Bertelsmann-Stiftung, nicht nur durch ein positives Image, sondern auch durch die vielfältigen Kontakte, lautet ein Vorwurf. Effizienz- und Wettbewerbsmaßstäbe aus Gütersloh hätten einen zu hohen Einfluss auf die Politik der Republik, ein anderer.

Als Bertelsmann-Gründer Reinhard Mohn 1977 die Stiftung gründete, dürfte er dafür mehrere Gründe gehabt haben: Zum einen wollte er wohl Erbschaftssteuern vermeiden. Sicher sollte, das legt schon die Namensgebung nahe, das Unternehmen vom Glanz der Gemeinnützigkeit profitieren. Darüber hinaus lag ihm am Herzen, seine unternehmerischen Erkenntnisse für die Entwicklung Deutschlands einzusetzen. "Nie hätte er aber geahnt, dass das mal ein Machtinstrument werden würde", heißt es in der Stiftung.

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Gigant aus Gütersloh

Mit einem Sparprogramm hat Bertelsmann auf die Krise in der Medienbranche reagiert. Geringere Kosten waren dafür maßgeblich, dass der operative Gewinn vor Zinsen und Steuern in den ersten neun Monaten 2004 auf 812 Millionen Euro hochschnellte - mehr als doppelt so viel wie in der Vorjahreszeit. Finanzchef Siegfried Luther geht von weiteren Zuwächsen durch das Weihnachtsgeschäft aus. Der Umsatz legte von Januar bis September allerdings nur um knapp zwei Prozent auf 11,9 Milliarden Euro zu.

Der weltweit viertgrößte Medienkonzern mit 76 000 Beschäftigten ist in sechs Sparten aufgeteilt: Dazu gehören Random House, die globale Nummer eins unter den Buchverlagen, Gruner + Jahr, Europas größter Zeitschriftenverlag mit Titeln wie Stern, Geo und Brigitte, die RTL-Group, der europäische Branchenprimus in der Radio- und TV-Branche. Hinzu kommen die Direct Group, in der Buch- und Musikclubs mit 30 Millionen Mitgliedern gebündelt sind. Arvato betreibt Druckereien und bietet Logistik- und IT-Dienstleistungen an. Die Musiksparte firmiert unter Sony BMG, einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem japanischen Elektro-Riesen.

Dieses Geschäftsfeld und die RTL-Group haben maßgeblich zum Gewinnplus in den ersten neun Monaten beigetragen. fw
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Ein Machtinstrument ist sie dennoch geworden, auch wenn sich die Stiftung lieber als Reformwerkstatt oder Denkfabrik beschrieben sieht. Einfluss und Kontakte sind beachtlich. In der Zentrale unweit des Gütersloher Konzernsitzes arbeiten 280 Angestellte an Reformvorlagen, Modellprojekten und Untersuchungen zu wirtschafts-, bildungs-, und sozialpolitischen Themen. Häufig kooperieren sie dabei mit Ministerien und Verbänden. Das Jahresbudget beträgt rund 70 Millionen Euro.

Kontakthof des Konzerns

Auch die Ableger der Stiftung verstehen ihr Handwerk: Da ist zum einen das Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) in München unter Leitung des Politikwissenschaftlers Werner Weidenfeld, zugleich Präsidiumsmitglied der Stiftung. Das CAP finanziert sich zu einem Großteil aus dem Topf "Internationale Politik" der Stiftung. Wie hoch der Anteil am Institutshaushalt ist, hält das Centrum unter Verschluss.

In ihrem Buch "Bertelsmann" widmen sich Frank Böckelmann und Hersch Fischler intensiv der Vernetzung von Politik, Stiftung und Konzern. "Beim CAP wird der Eindruck erweckt, es handele sich um einen neutralen Kontakthof, tatsächlich werden die Verbindungen auch für den Konzern genutzt", sagt Böckelmann. Um die Trennung zum Bertelsmann-Konzern deutlicher und sich weniger angreifbar zu machen, verabschiedete sich die Stiftung zuletzt von ihrem Engagement für Medien- und Internetthemen. "Da gab es verschwommene Grenzen, das Problembewusstsein dafür ist vorhanden", wird im Haus selbst eingeräumt.

Nicht zuletzt wegen der Nähe zu den Politikeliten ist die Kritik mit der Eingrenzung der Themengebiete nicht aus der Welt. Im CAP geben sich Spitzenpolitiker aller Couleur aus Bund, Ländern und EU die Klinke in die Hand. Nur eins von vielen Treffen dieser Art ist der Kanzlerdialog. Im vorigen Jahr debattierten die Teilnehmer dort unter anderem über ein Papier zu strategischen Reformüberlegungen, das die Bertelsmann Forschungsgruppe am CAP gemeinsam mit der Stiftung entwickelt hatte.

In der Bildungspolitik mischt die Stiftung ebenfalls mit: Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) wurde 1995 zusammen mit der Hochschulrektorenkonferenz gegründet und finanziert sich zu 75 Prozent aus Stiftungsmitteln. Es ist vor allem durch Uni-Rankings und Umfragen bekannt geworden. Wolfgang Lieb, Jurist und zusammen mit Albrecht Müller Herausgeber der www.nachdenkseiten.de, kritisiert "die zunehmende Ökonomisierung der Wissenschaft", die vom Centrum ausgehe. "Effizienz und Wettbewerb haben sicher ihre Berechtigung, auch im öffentlichen Sektor, aber wenn sie in den Stand eines Allheilmittel versetzt werden, geschieht dies zum Schaden der Wissenschaft", sagt Lieb.

Albrecht Müller, Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt, geht in seiner Kritik noch weiter. Einen "hochgefährlichen Kraken" nennt er die Stiftung. Bertelsmann habe einen Systemwechsel im Sinn, hin zur unternehmerbestimmten Republik. Auch Buchautor Böckelmann befürchtet hinter vielen Aktivitäten "das Ziel, Politik und Wirtschaft gleichzuschalten". Der Einfluss der Einrichtung beeindrucke: "Der Stiftung gelang es, der Agenda 2010 des Reformkanzlers ihren Stempel aufzudrücken." Das kann die Stiftung nur als Kompliment auffassen, sieht sie sich doch als Reformmotor. Wobei Pressesprecher Andreas Henke betont: "Wir legen Konzepte auf den Tisch, die Politik setzt die Dinge um."

Lernhilfen für Deutschland

Manchmal kommen die Vorschläge verpackt daher. Als kürzlich bei einem Standortranking Deutschland den letzten Platz belegte, bezichtigten einige Medien die Gütersloher der Schwarzmalerei. Projektleiter Thorsten Hellmann von der Bertelsmann Stiftung stellte fest, es gehe nicht darum, den Zeigestock zu heben und auf den "Schüler" Deutschland einzuprügeln. "Vielmehr werden gleichzeitig Lernhilfen in Form von Lösungsansätzen angeboten, die zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands beitragen können."

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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Dokument erstellt am 09.11.2004 um 17:32:59 Uhr
Erscheinungsdatum 10.11.2004