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"Stern" vom 08.09.1983 ( Nr.37 ) - Gescannter Bericht in HTML ohne Bilder

Wasser, das Nahrungsmittel Nr. 1 - Eine unklare Sache

Ein Bericht von Nikolaus Eckardt und Horst Güntheroth

"Alles Schlechte", klagt Cornelis van der Veen, „kommt über den Rhein zu uns. Wir finden Spuren von fast jedem Gift, das dieser Strom mitführt, trotz teuerster Klärtechnik in unserem Trinkwasser." Das kostbare Naß muß van der Veen, Direktor der Rhein-Wasserwerke in Amsterdam, aus der Kloake Rhein filtern, denn über nennenswerte Grundwasservorkommen verfügen die Niederlande nicht.

Weil den Holländern der „Drei-Länder-Dreck" aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz bis zum Hals steht, werden sie im Oktober 1983 in Rotterdam ein internationales Wassertribunal abhalten. Der Rhein stinkt nicht mehr wie Mitte der sechziger Jahre penetrant nach „Chemie", der Sauerstoffgehalt des Wassers hat sich sogar deutlich gebessert. Aber trotzdem führt der Strom immer noch gewaltige Mengen unsichtbarer und gesundheitsgefährdender Chemikalien.

„Wir haben eine lückenlose Liste der schlimmsten Verschmutzer aufgestellt", sagt Jan van der Sluis, der das Wassertribunal vorbereitet. „Wenn die industriellen und kommunalen Einleiter dazu Stellung bezogen haben, wird eine internationale Jury ein Urteil sprechen."

Die angeklagten deutschen Jndustriebetriebe, so ein Sprecher des „Verbandes der chemischen Industrie" Mitte August in Frankfurt, werden allerdings an der Veranstaltung nicht teilnehmen; schließlich gäbe es genug Behörden und Institutionen, die sich um die Belange der Wasserwirtschaft kümmerten. Doch auch um die Mitarbeit deutscher Wasserfachleute bemühte sich van der Sluis vergebens.

„Euer Trinkwasser, vor allem in der Rheinregion, ist stellenweise nicht besser als unseres", sagt der Holländer. „Wir glaubten daher, daß die deutschen Wasserwerke ein starkes ''Interesse an jeder Initiative zur Verbesserung des Rheinwassers hätten." Die deutsche Wasserwirtschaft distanzierte sich jedoch auf ihre Art: Das Tribunal drohe die „eigene, langjährige wissenschaftlich fundierte Arbeit" in Frage zu stellen, schrieb Hansgeorg Winter, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke im Rheineinzugsgebiet. „Wir haben in diesem Lande verständlicherweise gegen ,Volksgerichte eine auf historische Erfahrung begründete Abneigung.".

Diese Abneigung könnten auch andere als historische Gründe haben - das jedenfalls vermutet der Bremer Chemiker und Wasserfachmann Uwe Lahl: „Die deutschen Wasserwerker sind eng verflochten mit der Industrie. Häufig sitzen Verschmutzer und Saubermänner in einem Boot."

Besonders deutlich wird diese Verflechtung am Beispiel des größten deutschen Wasserkonzerns, der Gelsenwasser AG, die im Rhein-Ruhr-Raum 2,5 Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgt. Ihr Hauptaktionär ist Deutschlands größter Energie- und Chemiemulti, die Veba AG. Auch der Stromriese Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) mischt bei Gelsenwasser mit.

Im allgemeinen funktioniert das lukrative Geschäft des Wasserriesen fast lautlos - nicht zuletzt, weil Gelsenwasser einflußreiche Kommunalpolitiker mit Posten und Pfründen in einem beratenden Gremiuri des Unternehmens ausstattet. Nach dem jüngsten Geschäftsbericht waren von den 35 Mitgliedern dieses Beirats immerhin 17 Stadt- und Kreisdirektoren. So beschlossen trotz heftigen Protests von über 2000 Bürgern die Ratsherren der Stadt Haltern in einer geheimen Abstimmung im Juli 1981, der Gelsenwasser den Bau einer Brunnengalerie in Haltern-Wcst zu genehmigen. Stadtdirektor Paul Witte, der für diesen Entschluß plädiert hatte, sah sich keineswegs in einem Interessenkonflikt: Auf eine Anfrage der oppositionellen SPD antwortete er, er gehöre dem Beirat an wie alle Stadtdirektoren von Gemeinden, in denen Gelsenwasser Betriebsanlagen habe. Im übrigen habe er dort keine Entscheidung zu treffen.

„Auch unser Stadtdirektor", sagt der Kommunalpolitiker Wilhelm Rühl aus dem westfälischen Städtchen Höxter, „ist nach dem Verkauf der Höxter Grundwasserquellen an die Gelsenwasser AG in den Beirat berufen worden." Volkswirt Rühl verfolgt mißtrauisch, wie der Wasserkonzern versucht, im weiten Umkreis von Rhein und Ruhr möglichst viele Brunnen und Quellen aufzukaufen. „Hier wird systematisch die Privatisierung und Monopolisierung der Wasserwirtschaft betrieben. Ähnliches haben wir auf dem Energiesektor erlebt. Sollen die Wassermultis unsere Kinder einmal genauso erpressen wie uns heute die Öl-, Gas-und Strommultis?"

1978 hatte die Stadt Höxter ihre Quellen an die Gelsenwasser-Tochter Vereinigte Gas-und Wasserversorgung Rheda-Wiedenbrück (VGWV) verkauft. Mit dem Erlös sollte der Stadthaushalt saniert werden. Dafür müssen jetzt die Bürger tief in die Taschen greifen. Der Wasserpreis stieg um fast die Hälfte auf l ,85 Mark je Kubikmeter, die Grundgebühr kletterte auf mehr als das Doppelte von sechs auf 13 Mark monatlich.

Erst als die VGWV die Fördermenge aus dem Höxteraner Brunnen auf mehr als zehn Millionen Kubikmeter Wasser jährlich steigern wollte, um es in ein großräumiges Verbundnetz einzuspeisen, regte sich Widerstand: Aus Angst vor Schäden an Waldbeständen und landwirtschaftlichen Nutzflächen durch Grundwasserabsenkungen lehnte Anfang Juli die Stadt Höxter den Antrag der Gelsenwasser-Tochter ab. Nun hat der Regierungspräsident als Bewilligungsbehörde das letzte Wort.

Opposition gegen seine expansive Geschäftspolitik spült der Gelsenwasser-Chef und nordrheinwestfälische CDU-Landtagsabgeordnete Benno Weimann mit Sprüchen wie diesem fort: Wer die leitungsgebundene Wasserbereitstellung bremsen wolle, hemme Lebensqualität, Zivilisation und Wohlstand der Industriegesellschaft.

Gleichzeitig jammert der Verband für Wasserwirtschaft, es werde wegen des steigenden Verbrauchs immer schwieriger, gutes Grundwasser zu gewinnen - und somit auch immer teurer.

Die konsequente Forderung der Umweltschützer nach sparsamem Umgang mit dem Naß befolgen die Wasserwerke allerdings nicht: Schon in den zumeist veralteten Rohrleitungssystemen entstehen Riesenverluste. Wegen Leitungsbrüchen, Korrosionsschäden und undichten Verbindungen kommen „stellenweise nur 60 Prozent, selten mehr als 90 Prozent des kostbaren Trinkwassers bei den Endverbrauchern an", stellt eine eben erschienene Untersuchung der renommierten „Fraunhofer-Gesellschaft" in Stuttgart fest.

Aber auch die Verbraucher ermuntert die Wasserwirtschaft keineswegs zum Sparen. Gelsenwasser-Chef Weimann: „Es ist eine Illusion zu glauben, Wassersparen senke den Preis für den Verbraucher." Der Erfolg dieser Politik: Die Wasserabgabe der bundesdeutschen Versorgungsbetriebe stieg 1982 auf 3,71 Milliarden Kubikmeter - ein neuer Rekordwert. Otto Normalverbraucher dreht zwar den Ölhahn zu, aber den Wasserhahn auf.

„Leider", sagt der Berliner Umwelttechniker Professor Günter Axt, „verstehen sich Impulse, die sich mit der Wassergüte ändern

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"Bei uns wird systematisch die Privatisierung und Monopolisierung der Wasserwirtschaft betrieben".

Der Höxteraner Kreistagsabgeordnete Wilhelm Rühl
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die öffentlichen und privaten Wasserversorger nicht als Anwälte ihrer Verbraucher, sondern als Lieferanten, die eine Ware absetzen und mit allen Verkaufsargumenten für ihr Produkt werben." Seine Forschungsgruppe an der Technischen Universität beschäftigt sich unter anderem mit den Möglichkeiten, Wasser zu sparen. Axt: „Eine Regenwasserzisterne an jedem Haus würde eine Menge Probleme lösen." Da im Regen keinerlei Härtebildner stecken, würden beispielsweise die Waschmaschinen länger leben; und weil für weiches Wasser außerdem keine phosphathaltigen Waschmittel nötig sind, wären die Abwässer weniger umweltbelastend.

Ein eifriger Verfechter privater Regenrückhaltebecken ist auch Berthold Gall, Bürgermeister der Gemeinde Sulzbach/Taunus. Den CDU-Politiker ärgert, daß Regenwasser wegen der zunehmenden Versiegelung großer Flächen durch Häuser, Straßen und Plätze immer weniger versickern kann. Die Folge: Überlastungen der Kanalisation, aber auch zu rasch anschwellende Flüsse, wie die Überschwemmungskatastophen im Rhein-Mosel-Gebiet gezeigt haben. Gall will auch nicht einsehen, „daß hochwertiges Grundwasser, über Hunderte von Kilometern Leitungsnetz gepumpt und zu Trinkwasserqualtät aufbereitet, vom Bürger für die Bewässerung seines Gartens verwendet wird".

Im Sanitärbereich ließe sich am einfachsten und wohl auch am billigsten sparen. Fast 150 Liter bestes Trinkwasser werden täglich in einem Vier-Personen-Haushalt durch die Toilette gejagt. Gründlich wie die Deutschen sind, verrichten sie auch dieses Geschäft nach Norm: Ob groß oder klein - es müssen neun Liter hinter der Notdurft herrauschen.

Eine wassersparende Zweigangschaltung, die die flüssige Hinterlassenschaft mit halber Spülmenge beseitigt, ist vom TÜV für deutsche Klos nicht zugelassen. In Holland dagegen ist sie seit langem erlaubt und in einigen Gebieten Großbritanniens für Neubauten sogar vorgeschrieben.

Wer hierzulande sinnvoll Wasser spart, muß sogar mit dem Mißtrauen der Wasserwerker rechnen. So wollte der saarländische Zahnarzt Heinrich Ahlen ( Name von der Redaktion geändert) den ökologischen Unsinn nicht einsehen, daß wir besten Naturdünger durch die Toilette fortspülen und damit unsere Gewässer fast zum Umkippen bringen, während die Bauern tonnenweise Kunstdünger auf die Felder streuen und so zusätzlich das Grund-und Oberflächenwasser gefährden.

Deshalb machte der Zahnmediziner aus der Notdurft eine Tugend und schaffte sich für wenig Geld eine Trockentoilette an. Den Eigen-Kompost nutzt er jetzt als Gartendünger. Weil der Wasserverbrauch in seiner Villa beträchtlich sank, schickte das Wasserwerk einen Klempner vorbei und installierte eine neue Wasseruhr - doch auch die drehte sich keineswegs schneller.

Industrielle Großverbraucher dagegen hofiert die Wasserwirtschaft - mit höchstrichterlichem Wohlwollen. So blitzten fünf Unternehmer aus Elmshorn bei Hamburg mit einer Klage gegen ihre Stadtwerke ab. Der Bundesgerichtshof befand: Eine „einseitige Begünstigung" einer Elmshorner Kaffee-Firma mit Wasser zu weniger als dem halben Preis sei in Ordnung. Der Großkunde verbrauche schließlich zehnmal mehr Wasser als andere.

Kein lautstarker Protest erhebt sich, bemängelt Fachmann Lahl, daß ausgerechnet im Ballungsraum zwischen Köln und Duisburg - wo die Menschen zu 92 Prozent mit nur schwer zu reinigendem Oberflächenwasser versorgt werden - drei Viertel des hochwertigen Grundwassers von der Industrie geschluckt werden. Diese Wasserrechte stammen zum Teil aus der Zeit der preußischen Verwaltung. Lahl: „Es wäre doch wichtig, von einem Gericht prüfen zu lassen, wo das höhere Rechtsgut liegt - in den uralten Nutzungsrechten der Industrie oder in der Versorgung der Menschen mit einwandfreiem Wasser. Aber die deutschen Wasserwerke weichen aus, statt den Konflikt mit den Verschmutzern zu suchen."

Wenn das Grund- oder Oberflächenwasser für eine Reinigung zu stark belastet ist, ziehen sich die Wasserwirtschaftler in die nächsten noch intakten Regionen zurück. In die Lüneburger Heide zum Beispiel, in das hessische Ried oder in das Loisachtal südlich von München. Und um das Niveau des Trinkwasser-Reservoirs Ruhr zu regulieren, soll durch den Bau einer Talsperre sogar ein ganzes Dorf - die Sauerlandgemeinde „Brunskappel" -ersaufen.

Den Bau kostspieliger Talsperren und langer Rohrleitungen erzwingen zunehmend auch die Tausende alter Müllkippen, in denen auch eine Menge giftiger Abfälle lagern. Immer häufiger müssen Brunnen geschlossen werden, weil das Grundwasser plötzlich verseucht ist.

Lahl schätzt, daß das Ausweichen und die Zentralisierung der Wasserversorgung bald genausoviel kostet wie eine Sanierung der geschädigten Wasservorkommen.

Statt die Verschmutzer stärker zur Kasse zu bitten, werden die Kosten auf die breite Allgemeinheit überwälzt. So muß beispielsweise der Münchner Verbraucher einen beträchtlichen Anteil seines Wassergeldes allein für den Transport seines Trinkwassers aus dem 70 Kilometer entfernten Loisachtal berappen.

In den meisten Stadtwerken befinden sich Wasser-, Gas-und Stromversorger unter einem Dach. „Wenn der Wassermann gegen eine neue Industrieansiedlung Bedenken hat", erläutert Lahl das Problem, „wird er von den Kollegen, die Strom und Gas verkaufen wollen, in aller Regel überstimmt."

Gegen die Macht der kommunalen Versorgungsmonopole ist für den einzelnen kein Kraut gewachsen. Der Jurist Edgar Klein aus Moers rechnete den Stadtwerken seiner Gemeinde vor, sie hätten „1980 bei einem Aufwand von 0,38 Mark je Kubikmeter Wasser einen Rohgewinn von 221 Prozent erwirtschaftet". Dies sei nichts anderes als „Wucherei, Preistreiberei und Ausnutzung einer Monopolstellung".

Klein erhob Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Seine Begründung: „Reißt der Staat die Förderung und Verteilung der öffentlichen Sache Wasser an sich, hat er das lebensnotwendige Wasser gemeinnützig in ausreichender Menge ohne Kosten zur Verfügung zu stellen. Dann ist die Bereitstellung des Wassers, um das Leben der Bürger zu erhalten und zu fördern, die erste und vornehmste Aufgabe des Staates."

Beschluß des Gerichtes: „Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen, weil sie keine hinreichende Aussicht auf Erfolg hat."
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»Die deutschen Wasserwerke weichen aus, statt den Konflikt mit den Verschmutzern zu suchen«

Der Bremer Wissenschaftler Uwe Lahl
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