Nach Missgriffen seiner risikofreudigen Starbankerin Saunders muss WestLB-Chef Sengera Abschied nehmen
Von Mario Müller
Wer an der Chaos-Theorie zweifelt, möge sich den Wirbel vor Augen führen, den der Flügelschlag des ecuadorianischen Kolibri, wissenschaftlich Trochilida, bei der WestLB in Düsseldorf erzeugt. Die nordrhein-westfälische Staatsbank möchte unbedingt im fernen Südamerika eine Öl-Pipeline durch den Urwald finanzieren und stößt dabei auf erbitterten Widerstand von Umweltschutzorganisationen, die um das Überleben unter anderem des winzigen Luftakrobaten fürchten.
Doch diese Querelen sind gewissermaßen nur ein Sturm im Wasserglas verglichen mit dem Durcheinander, das ein an der Themse ansässiger Paradiesvogel in der Rhein-Metropole angerichtet hat. Er hört auf den bürgerlichen Namen Robin Saunders, ist blond und 40 Jahre alt. Die gebürtige US-Amerikanerin galt trotz ihrer unkonventionellen Methoden als die Starbankerin in Diensten der WestLB, bis sie Millionen in den Sand setzte und das fünftgrößte Kreditinstitut der Republik damit in eine tiefe Krise stürzte, die auch der nordrhein-westfälischen Landesregierung gehörig zu schaffen macht.
Als "Antwort der City auf Claudia Schiffer" war sie einst von englischen Gazetten gefeiert worden, nachdem sie einige spektakuläre Coups gelandet hatte. Saunders, 1998 von der Deutschen Bank zur WestLB gewechselt, arrangierte unter anderem eine Finanzspritze von 1,4 Milliarden Dollar für Formel-1-Chef Bernie Ecclestone, half dem Multi-Millionär Philip Green bei der Übernahme der britischen Einzelhandelskette BHS auf die Sprünge und brachte ihren neuen Arbeitgeber beim Neubau des berühmten Londoner Wembley-Stadions ins Spiel.
Um solche Riesen-Deals gegen harte Konkurrenz unter Dach und Fach zu bringen, bedarf es schon außergewöhnlicher Fähigkeiten. Die Frau ist ohne Zweifel ebenso clever wie tough. Und sie schien ihr Geld wert zu sein. Mit einer jährlichen Vergütung von angeblich mehr als zehn Millionen Pfund führte sie mit weitem Abstand die Gehaltsliste der WestLB an. Jedenfalls brummte das Geschäft und bescherte der Konzernmutter ordentliche Gewinne. Mit ihrer Truppe von rund 30 Leuten hatte sich Saunders auf die Finanzierung von Unternehmensbeteiligungen durch eine Mixtur aus Fremd- und Eigenkapital spezialisiert. Dabei übernimmt auch die Bank bestimmte Firmenanteile in der Hoffnung, sie später mit einem satten Aufschlag weiterverkaufen zu können. Der Chance, sich eine goldene Nase zu verdienen, steht allerdings das erhebliche Risiko gegenüber, voll auf selbige zu fallen.
Und dieses, in der Branche allzu oft nicht einkalkulierte Schicksal, ereilte schließlich auch die bis dato vom Erfolg verwöhnte Amerikanerin - und mit ihr die Bank. Konnte Saunders die Pleite des Londoner Metall-Händlers RBG, bei der die WestLB rund 200 Millionen Pfund in den Wind schreiben musste, noch auf unvorhersehbare Umstände schieben, war der Reinfall mit dem englischen Fernsehgeräte-Vermieter Boxclever nicht mehr als Betriebsunfall abzutun. Das Desaster verschlang etwa 330 Millionen und ließ gemeinsam mit anderen Schieflagen den ausgewiesenen Verlust des Geldkonzerns im vergangenen Jahr auf 1,7 Milliarden Euro anschwellen.
Das wiederum rief die hiesige staatliche Bankenaufsicht auf den Plan, die eilends eine Sonderprüfung der von Saunders angekurbelten Geschäfte anordnete. Das Ergebnis muss verheerend ausgefallen sein: Der Vorstandsvorsitzende der WestLB, Jürgen Sengera, zog am Montag nach einem Treffen der Anteilseigner die Konsequenzen und nahm seinen Hut. An seinem Stuhl hat man schon seit Tagen gesägt. Vor allem im Lager der regionalen Sparkassen, die indirekt mit gut einem Drittel an der Bank beteiligt sind - Nordrhein-Westfalen hält rund 43 Prozent, der Rest liegt bei zwei Landschaftsverbänden -, hatte sich erheblicher Unmut über die extravagante Angestellte in London breit gemacht, der schließlich auch das Spitzenmanagement in Düsseldorf erfasste. Tatsächlich muss sich der Vorstand den Vorwurf gefallen lassen, Saunders zu viel Freiraum gelassen zu haben. Derartige Nachlässigkeiten sind zwar psychologisch verständlich - wer wagt es schon, genauer hinzuschauen, wenn die Kasse munter klingelt -, können im Geldgewerbe aber, wie viele ähnliche Fälle zeigen, teuer zu stehen kommen. Sengera hatte vor seinem Wechsel auf den Chefsessel in dem Londoner Geschäft mitgemischt.
Sein Abschied stellt die Eigentümer der WestLB nun vor erhebliche Probleme. Denn die Bank befindet sich in der Phase eines tiefgreifenden Umbaus. Nachdem die EU-Kommission die Staatshaftung des Vorgängerinstituts gekippt hatte, wurde die einstige Westdeutsche Landesbank aufgespalten: Das staatliche Fördergeschäft betreibt jetzt die Landesbank Nordrhein-Westfalen, die gleichzeitig als Muttergesellschaft der neuen, als Aktiengesellschaft firmierenden WestLB fungiert. Deren Slogan - "Die Business Bank" - zeigt, woher jetzt der Wind weht. Sie will, wie jedes private Geldhaus auch, vor allem eines: hohe Profite einfahren. Um dieses Ziel zu erreichen, wird unter anderem die Zahl der Beschäftigten um 1500 auf rund 7100 reduziert.
Doch wohin der Weg führen soll, darüber herrscht keineswegs Einmütigkeit. Die größeren Sparkassen sehen in der WestLB einen Konkurrenten, andere beäugen die Ausflüge ihres Spitzeninstituts in die große weite Welt mit erheblichem Misstrauen. Das erhält durch die allgemein schwierige Lage der Branche noch zusätzliche Nahrung. Diese Fraktionen würden den Giganten am liebsten stark zurechtstutzen. Auch Sengera hatte bereits den Rückzug aus einigen fernen Regionen und die stärkere Konzentration auf die europäischen Märkte angekündigt. Doch mit dem Sparkassengeschäft allein käme das Institut wohl nie auf einen grünen Zweig und wäre nicht in der Lage, die Dividende zu verdienen. Und gerade jetzt muss der Euro rollen. Schließlich gilt es nicht nur, die bilanzielle Scharte aus dem vergangenen Jahr auszuwetzen. Vielmehr drohen erhebliche Bußen aus einem Verfahren, mit dem Brüssel gegen eine dicke Kapitalspritze des Landes vorgeht.
Auf Sengeras Nachfolger wartet also eine Menge Arbeit. Erschwert wird sie zum einen durch die Unsicherheit über die Strategie, die die von unterschiedlichen Interessen geleiteten Eigner zu verfolgen gedenken, und zum anderen durch die Tatsache, dass sich ohnehin eine Neuordnung unter den Landesbanken andeutet.
Ministerpräsident Peer Steinbrück äußerte unterdessen sein Bedauern über Sengeras Rücktritt. Noch schwerer im Magen liegen dürfte dem Sozialdemokraten allerdings, dass er neben dem Streit mit dem grünen Koalitionspartner noch ein zweites Problem zu lösen hat. Ein gewissermaßen natürlicher Nachfolger für die WestLB-Spitze ist derzeit jedenfalls nicht in Sicht. Bis der oder die Richtige gefunden ist, übernimmt Vorstandsmitglied Johannes Ringel die Geschäfte.
Und was geschieht mit Robin Saunders? Wie die Spatzen von den Düsseldorfer Dächern pfeifen, soll sie gehen. Zugleich will sich die Bank aus diesem speziellen Geschäft zurückziehen.
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Copyright © Frankfurter Rundschau 2003
Dokument erstellt am 23.06.2003 um 17:56:09 Uhr
Erscheinungsdatum 24.06.2003