Gescannt aus der Frankfurter Rundschau vom 21.01.2004
Moderne Söldner
Das Pentagon setzt in militärischen Konflikten immer öfter auf Privatfirmen /Weltweit 100 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr
VON LUISE BROWN
Früh am Morgen des 5, August 2003 macht sich eine Wagenkolonne vom Flughafen Bagdad auf den Weg in Richtung Norden. Einem schwer bewaffneten Jeep der US-Army folgen drei mit Post beladene Trucks. In der Nähe von Tikrit explodiert eine Bombe unter einem der Lastwagen, der Fahrer stirbt später. In der Liste der US-Kriegstoten aber taucht er nicht auf, der Mann war Angestellter der Firma Kellogg, Brown & Root (KBR).
KBR ist eines von vielen Unternehmen, die derzeit in Irak tätig sind - mit militärischen Aufgaben, mit Aufgaben, die früher die Armee erfüllt hat. Auf zehn US-Soldalen kommt heute ein Angestellter einer so genannten Private Military Company (PMC), im Golfkrieg 1991 war es noch einer auf mehr als hundert Soldaten. Mit mindestens 11000, vielleicht sogar 20000 Beschäftigten im militärischen und logistischen Bereich stellen die Privaten inzwischen eine größere Truppe als die Briten, die größte nationale Gruppe unter den willigen Koalitionären.
Von der Essenszubereitung, der Wartung von Fuhrpark und Fluggerät bis zur Bewachung der Stützpunkte und dem Training der irakischen Polizei: Bis zu 30 Prozent der militärischen Aufgaben liegen nach Schätzung von Experten in Irak in privater Hand. Und nicht nur dort. Ob beim Schutz des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai, beim Fliegen bewaffneter Aufklärungsflugzeuge in Kolumbien oder bei einem Projekt des US-Heimatschutzministeriums zur Abwehr von Terroranschlägen durch die Sicherung von internationalen Häfen, "überall in der Welt übernehmen inzwischen private Firmen Schlüsselaufgaben bei militärischen Einsätzen", sagt Peter Singer, ein auf dieses Gebiet spezialisierter Sicherheitsanalyst: Als die USA im März 2003 Irak angriffen, sorgten auf den US-Kriegsschiffen Privatfirmen für den Betrieb einiger der kompliziertesten Waffensysteme der Welt. "Es ist eine Entwicklung, die nachhaltige Wirkung auf die Art und Weise, wie Regierungen Krieg führen, haben wird", sagt er. Singer spricht von der "Privatisierung von Krieg".
Nach dem Golfkrieg Anfang der 90er Jahre beauftragte das Pentagon eine Tochtergesellschaft des Großunternehmens Halliburton mit einem millionenschweren Großauftrag, um herauszufinden, wie Privatfirmen die US-Truppen in Kampfzonen unterstützen könnten. Die Übertragung zahlreicher militärischer Aufgaben, vom Wäscherei- und Kantinendienst bis zu Planung, Training und Logistik passte zur Vision einer mit Hightech-Kriegern und kleinen, beweglichen Einsatztruppen verschlankten Armee, die heute, um 600000 Mann verringert, l,4 Millionen Soldaten umfasst. Da mit dem Ende des Kalten Krieges zahlreiche kleinere, oft innerstaatliche Kriege die militärischen Anforderungen veränderten, verwundert es kaum, dass das Outsourcen zahlreicher Aufgaben im Pentagon auf Zuspruch stieß. Die PMCs zeigten sich stets einsatzbereit, schneller und auch kostengünstiger als das Militär. Warum sollte ein teuer ausgebildeter Soldat Wäsche waschen, wenn es eine Privatfirma preiswerter macht?
Die Privatfirmen zeigen sich stets einsatzbereit, sind schneller und billiger als die regulären Streitkräfte.
PMCs sind Unternehmen, deren Größe von kleinen, regional
agierenden Firmen zum Teil aus früheren Söldner-Agenturen hervorgegangen
- bis zu internationalen Konzernen reicht. Sie sind in der Regel auf eine
Vielzahl technischer, logistischer und
militärischer Fähigkeiten spezialisiert, ihre Angestellten
fast immer ehemalige Soldaten, Polizisten oder Geheimdienstler. So wirbt
der Firmenriese MPRI mit "der größten unternehmerischen militärischen
Erfahrung in der Welt", andere sind zwar kleiner, aber nicht weniger selbstsicher,
wie die Firma Tag24, die behauptet "jede Sichcrheitsaufgabe in der Welt"
bewältigen zu können.
Tatsächlich gibt es wenig Belege dafür, dass es durch den Einsatz von Firmen zu Einsparungen und erhöhter Effizienz gekommen ist. Erst kürzlich machte Halliburton-Tochter KBR Schlagzeilen, als sie sich wegen überhöhter Rechnungen in Irak rechtfertigen musste. Schließlich läuft die Auftragsvergabe - auch aus Zeitgründen - oft ohne Ausschreibungen und die bedachten Firmen stellen ihre "tatsächlichen Kosten" plus eine Gewinnmarge zwischen einem und neun Prozent in Rechnung.
Auch sonst ist das Image der PMCs nicht gerade schattenfrei, sie sind schließlich die Nachfolger der klassischen Söldner. Ein Söldner kämpfe nicht für den Frieden, sondern um Geld zu verdienen, sagt UN-Experte Ernesto Bernales-Ballesteros. Dafür nehme er auch Tod, Folterung und Menschenrechtsverletzungen in Kauf. Eine Behauptung, die sich im 20. Jahrhundert durch zahlreiche Gewalttaten von Privat-Soldaten, vor allem in den Bürgerkriegen Afrikas, bestätigen lässt. Doch die Mehrheit der PMCs könne man nicht mit klassischen Söldnern vergleichen, hebt Peter Singer hervor. Bei Söldnern handele es sich meist um Individuen oder kleine Gruppen, die lokal agieren; PMCs seien hingegen registrierte Unternehmen, häufig in den USA und Großbritannien ansässig, in der Regel weltweit operierend und oft sogar börsennotiert.
Und der Markt der PMC wächst rapide: 100 Milliarden Dollar jährlich
betragt nach
Schätzungen von Experten der Umsatz der neuen Industrie, Ende
des Jahrzehntes wird es wohl das Doppelte sein. Das wiederum wirft fundamentale
Fragen für den langfristigen Einfluss von PMCs auf Strategie, Planung
und Entscheidungen künftiger Regierungen im Krieg auf, meint Singer.
Meist leiten hochdekorierte frühere Generäle die Militärdienstleister.
Tatsächlich sind viele PMC mit nichtmilitärischen Firmen verflochten oder arbeiten eng mit ihnen zusammen, manche sind Ableger großer Rüstungskonzerne. Der neue Wirtschaftszweig unterhält sogar eine Lobbyisten-Gruppe, die International Peace Operations Association (Internationale Vereinigung für Friedensoperationen). Die PMCs erinnern vor allem dann an outgesourcte Privatarmeen, wenn man sich die Beschäftigten in ihren höheren Riegen anschaut. Präsident des US-Unternehmens MPRI ist General Carl Vuono, einstiger Stabschef der US Army, ehemals Vorgesetzter und enger Freund des früheren Generals und jetzigen Außenministers Colin Powell. Assistiert wird er von weiteren Generalen, alles alte Kameraden jener Offiziere, die im Pentagon heute die Entscheidungen treffen. Auch bei Tag24 arbeiten fast ausschließlich Ex-Militärs und Ex-Geheimdienstler, wie der "group coordinator" in London, John Chase, der mehr als zwölf Jahre in Diensten des Geheimdienstes stand: "Diese Kontakte helfen natürlich bei der Arbeit", sagt er.
Doch die PMCs verlassen sich nicht allein auf alte Kameradschaft. Einer Analyse der Fachzeitschrift "Mother Jones" zufolge haben der führenden PMCs in den USA von l999 bis 2003 mehr als 12,4 Millionen Dollar in Wahlkampagnen für Kongress und Präsidentschaft gesteckt. Wegen dieser Verflechtungen und der oft fehlenden Konkurrenz, sagt der Politologe Wolf-Christian Paes im FR-Interview, sei es fraglich, ob PMCs wirklich billiger seien.
Dass es bei den PMCs nicht immer nach Plan läuft, zeigen Beispiele. 2001 identifizierte die Firma Aviation Development Corp, aus Alabama, die im Auftrag der CIA in Peru arbeitete, ein Klein-Flugzeug als Jet eines regionalen Drogenrings. Daraufhin schoss Perus Luftwaffe die Maschine ab - ein Irrtum. In dem Flieger starben eine US-Missionarin und ihre sieben Monate alte Tochter.
Die Kongressabgeordnete Jan Schakowksy, eine Demokratin aus Illinois,
ist eine entschiedene Kritikerin der PMC, das Vorgehen in Peru ist für
sie schlicht unfassbar. Als das Repräsentantenhaus den Fall untersuchen
wollten, stieß es auf eine Mauer des Schweigens. Schakowksy hegt
den Verdacht, dass das Pentagon gewisse Dienstleistungen outsourct, um
eine öffentliche Untersuchung über ihre Aufträge zu verhindern.
Schließlich ist das Militär dem Parlament gegenüber zur
Auskunft verpflichtet, Privatfirmen nicht. Daher fragt Schakowsky, inwieweit
Regierungen die Firmen benutzten, um sich der Kontrolle des Parlaments
zu entziehen. PMCs sind weder Nationen noch Regierungen verpflichtet, sie
sind lediglich an ihre Arbeitgeber gebunden.
Für das deutsche Verteidigungsministerium dagegen sind PMCs kein
Thema: Zivile Unternehmen bewachen zwar schon lange Bundeswehr-Standorte,
aber hoheitliche Aufgaben würden allein die Aufgabe des Militärs
bleiben, sagt Sprecher Günther Katz. Doch auch in Deutschland müsse
man sich mit dem Thema befassen, meint Singer, schließlich gehörten
auch Deutsche zu den Angestellten internationaler PMCs.
Berichte und Interview auf S. 28 und 29 (Werden später gescannt
übernommen)