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Dienstag, 9. 4. 2002 - Nr. 68    Die Welt

DIE STIMME AUS

Japans neue Bankenära

Von JESPER KOLL

Mit dem ersten April wurde in Japan eine Bankenrevolution eingeleitet. Die allumfassende Absicherung der Einlagen durch den japanischen Staat wurde mit diesem Datum endgültig aufgehoben. Zum ersten Mal in der Bankengeschichte müssen Japans Banken genau das tun, was für Banken weltweit längst selbstverständlich ist: Sie müssen um die Einlagen ihrer Kunden konkurrieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war das japanische Bankensystem quasi verstaatlicht: Einlagen und langfristige Verbindlichkeiten wurden durch den Staat abgesichert. Dieses risikolose System bedeutete, dass japanische Banker viel Zeit hatten, um Golf zu spielen, während die Kunden in ein träges Gefühl der Sicherheit eingelullt wurden, welches nur diese Art von Kollektivismus hervorbringen kann.

All das wird sich von nun an ändern. Die japanischen Verbraucher werden in Zukunft bei der Wahl ihrer Bank kritischer vorgehen und zum ersten Mal eigenverantwortlich Entscheidungen treffen, anstatt sich ausschließlich auf den Staat zu verlassen. Die „schlechten Banken", die von selbstzufriedenen Direktoren geleitet werden, die nicht einmal die einfachsten Grundsätze des modernen Bankgeschäfts kennen, müssen jetzt schnell umdenken, sonst droht ein massiver Abfluss ihres Einlagengeschäftes.

Auf der anderen Seite stehen die erfolgreichen Banken, denen es gelingen wird ( JesperKoll ist Japan-Chefvolkswirt bei der Investmentbank Merrill Lynch.) ,immer mehr neue Kunden an sich zu binden, indem sie ihre Produktpalette systematisch ausweiten. Diese so genannten „guten Banken" können durch Einlagenzuflüsse und ein steigendes Gebührenaufkommen mit überdurchschnittlichem Wachstum rechnen. Zweifellos ist dies dem hartnäckigen Liberalisierungskurs des japanischen Ministerpräsidenten Ju-nichiro Koizumi zu verdanken. Er tut mehr für die Modernisierung des Bankensystems, als seine Vorgänger es mit unzähligen fehlgeleiteten politischen Rettungsversuchen vermochten. Was aber würde passieren, wenn Japan gar keine soliden Banken hätte und ein völliger Zusammenbruch des Systems drohen würde? Die Regierung scheint keinen Zweifel daran zu hegen, dass Japans Banken inzwischen auch ohne staatliche Garantien in der Lage sind, ihre Kontoinhaber davon zu überzeugen, dass sie imstande sind, sich das Vertrauen ihrer Kunden zu verdienen. Dennoch wird nichts dem Zufall überlassen. Sollte tatsächlich irgendwann ein Kollaps des gesamten Systems drohen, wird der Staat einspringen können.

Ob die japanischen Banken in der Lage sind im internationalen Wettbewerb zu bestehen, spielt derzeit keine Rolle. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass die Regierung in ihrer Einschätzung richtig zu liegen scheint, dass die japanischen Banken überhaupt bereit sind, in den Wettbewerb zu treten.