FINANZZEITUNG ( Handelsblatt ) Montag, 22. 7. 2002 - Nr. 138
Heftige Kritik der Kleinaktionäre an der Geschäftspolitik des Berliner Instituts
Bankgesellschaft warnt vor weiteren Rückschlägen
Auf der Hauptversammlung der Bankgesellschaft Berlin ist es zu Turbulenzen gekommen. Kleinaktiondre stürmten während der Rede von Vorstandschef Hans Jörg Vetter das Podium und zogen symbolisch ihr letztes Hemd aus. Heftige Kritik übten sie am Aufsichtsret. Vetter stimmte die Aktionäre auf weitere Rückschläge ein.
HANDELSBLATT, 22.7.2002
find BERLIN. Der Vorstandsvorsitzende der Bankgesellschaft Berlin AG, HansJvrg Vetter, hat die Anteilseigner auf mögliche Rückschläge eingestimmt. Trotz milliardenschwerer Kapitalspritze und einer Bürgschaft des Landes Berlin über 21,6 Mrd. Euro für das Immobilien-Dienstleistungsgeschäft könnten neue Probleme auf das Institut zukommen..Wir müssen offen sein für Kurskorrekturen", sagte Vetter am Freitag auf der Hauptversammlung vor 1200 Aktionären.
Die Sanierung und Neuausrichtung stünden erst am Anfang und gestalteten sich in der aktuellen konjunkturellen Schwäche schwierig, sagte Vetter. Daher werde die Bank auch in den kommenden Jahren auf eine Dividendenzahlung verzichten. Die Stärkung der Rücklagen müsse Vorrang haben. Erst im kommenden Jahr wird mit einem ausgeglichenen Ergebnis gerechnet. Keine Stellung bezog Vetter zu den Verkaufsplänen des Landes.
Kleinaktionäre störten die Rede Vetters. Einige stürmten das Podium und zogen symbolisch ihr letztes Hemd aus, um auf die prekäre Lage des Instituts aufmerksam zu machen. Auch wenn der Konzern sich nach den Worten Vetters stabilisiert habe, stelle die Risikovorsorge nach wie vor das grösste akute Problem in der Gewinn- und Verlustrechnung dar, räumt der Vorstandschef ein. Nicht nur die hauseigenen Altlasten gelte es bilanziell zu berücksichtigen, sagte Vetter. Auch das Neugeschäft könnte in der aktuellen Situation für Schwierigkeiten sorgen. Erst innerhalb von drei bis vier Jahren werde es möglich sein, die Risikovorsorge auf ein normales Maß zurückzuführen.
Das Sanierungskonzept der Bankgesellschaft sieht eine Fokussierung auf die Aufgaben einer Regionalbank im Raum Berlin/Brandenburg vor. Wir müssen unser Kreditportfolio so schnell wie möglich der Risikotragfähigkeit des Konzerns anpassen", sagte Vetter. Damit einher gehe eine Verringerung des Bilanzvolumens von gegenwdrtig 189 Mrd. Euro bis auf 139 Mrd. Euro im Jahr 2005. Ein Verkauf der Weberbank werde derzeit sorgfdltig geprüft. Beschlossen ist dagegen bereits die Trennung von der Allbank, der tschechischen Zivnostenka Banka, der Bankgesellschaft Polska sowie der polnischen Tochter Inteligo.
Heftige Kritik übten Kleinaktionäre an der Geschäftspolitik der Bankgesellschaft und deren Aufsicht, obwohl die gegenwärtige Vorstandsriege das Desaster nicht zu verantworten hat. Fachlich nicht qualifiziert und hoffnungslos überfordert", beschrieb ein Vertreters der Schutzgemeinschaft der Kleinaktioädre (SdK) das Handeln des Aufsichtsrats. Der Aufsichtsrats-Vorsitzende Emst-Otto Sandvoss sicherte den Aktionären eine nachdrückliche Aufarbeitung der Vergangenheit zu. Ansprüche der Bank gegen verantwortliche Organmitglieder" würden konsequent eingefordert. Wegen laufender Untersuchungen wurde die Entlastung der Vorstandsmitglieder Thomas Kurze, Hans Leukers, Wolfgang Rupf und Lothar Wackerbeck für das Jahr 2001 vertagt. Gegen elf Vorstandsmitglieder hat die Bankgesellschaft Schadensersatzforderungen in Höhe von 36 Mill. Euro gestellt.
Der Beschluss zum Erwerb eigener Aktien ist eine Vorratsmaßnahme, sagt Vorstandschef Vetter
Argwöhnisch reagierten die Kleinaktionäre auf den Vorschlag, eigene Aktien zurückzukaufen. Soll damit die Voraussetzung geschaffen werden, um den Streubesitz hinauszudrängen?", fragte der SdK-Vertreter. Wenn der Anteil des Streubesitzes bei fünf Prozent liegt, kann er vom Mehrheitseigner durch ein Barangebot abgefunden werden (Squeeze-out). Derzeit hält das Land 81 % der Anteile, die NordLB elf Prozent, die Versicherungsgesellschaft Parion zwei Prozent, in Streubesitz befinden sich sechs Prozent. Da die Bankgesellschaft 2,74 % eigener Aktien im Bestand hält, ist der eigentliche Streubesitz bereits unter die Fünfprozent-Marke gefallen. Bei dem Beschluss zum Erwerb eigener Aktien handele es sich um eine Vorratsmaßnahrne, sagte Vetter. Von der Absicht, ein Squeeze-out zu betreiben, sei dem Vorstand nichts bekannt.
Unverständnis herrschte bei den Aktionären darüber, dass das Untemehmen erneut die Wirtschaftsprüfergesellschaft PwC Deutsche Revision ernannt hat. Diese Gesellschaft konnte doch schon ihrer bisherigen Aufgabe nicht gerecht werden", kritisierte ein Aktionär. ,Eine Belastung aus Prüfungshandlungen der Vergangenheit sehen wir nicht", sagte Vetter. Gleichzeitig wurde bestätigt, dass auch Schadensersatzansprüche gegen Wirtschaftsprüfer geprüft werden.
Das elementare Kostenproblem will Vetter maßgeblich durch eine Verringerung
der Personal- und Sachausgaben in Höhe von 450 Mill. Euro lösen. Bis zum
Jahr 2005 sollen 4 000 Arbeitsplätze abgebaut werden, wobei 2 000 Stellen
bis Ende 2002 gestrichen sein sollen. Doch seit September 2001 sank die
Zahl der Mitarbeiter erst um 1000.