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"Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich führt eines Tages zu Katastrophen"

Der Schauspieler und Entwicklungshelfer Karlheinz Böhm über sein Engagement, die Projekte in Äthiopien und die Gründe für die Notsituation in dem afrikanischen Land

Frankfurter Rundschau: Herr Böhm, was hat Sie damals getrieben, sich für Afrika zu engagieren? War es das schlechte Gewissen als privilegierter Europäer?

Karlheinz Böhm: Ich würde eher als mein Hauptmotiv das Prinzip Wut über die Ungerechtigkeit in der Welt nennen. Als ich zum ersten Mal in den siebziger Jahren Urlaub in Kenia machte und mit einem Kellner des Hotels in sein Dorf fuhr, war ich völlig außer mir darüber, wie die Menschen dort leben in Relation zu den Touristen in den Luxushotels am Meer. Wut muss nicht destruktiv, sondern kann sehr konstruktiv sein.

Wie sind Sie gerade auf Äthiopien als Partnerland gekommen?

Ich wollte ursprünglich in die Sahel-Zone, nachdem im Fernsehen damals gezeigt wurde, wie viele Menschen dort an Hunger sterben. Nachdem die ersten 1,4 Millionen Mark aus der Sendung "Wetten dass . . .?" zusammengekommen waren, habe ich Experten gefragt, welches die ärmsten Länder dort sind. Mir wurde gesagt, Tschad, Sudan und Äthiopien. Ich klapperte alle drei Botschaften ab. Als einziger akzeptierte der äthiopische Botschafter, dass ich selbst das Geld hinbringe und es ohne Bedingungen der Regierung verwende.

Sie sind auch heute noch der Aktivposten des Vereins "Menschen für Menschen". Sind Sie es nicht manchmal leid, sich selbst für den guten Zweck vermarkten zu müssen?

Ich habe mich in den letzten Jahren auch altersbedingt stark aus dieser Arbeit zurückgezogen, so dass ich heute nicht mehr als fünf bis sechs Wochen im Jahr mit Vorträgen, Fernsehauftritten und dergleichen in Europa verbringe. Mittlerweile kommen durch meine Auftritte allenfalls noch 20 Prozent des Spendenaufkommens herein. Aber dass mein Name auch sonst vom Verein benutzt wird, um Geld zu sammeln, dazu stehe ich.

Wie entwickelt sich das Spendenaufkommen denn in Zeiten der Wirtschaftskrise?

Sehr gut. Die wirtschaftliche Schwäche hat unser Spendenaufkommen bislang nicht beeinträchtigt. Dazu beigetragen hat sicher, dass wir nicht einfach Geld sammeln, sondern dass wir eine Idee verkörpern, nämlich die, für andere Menschen Verantwortung zu tragen.

Sie leisten seit 20 Jahren Entwicklungshilfe in Afrika. Frustriert es Sie nicht, die geringen Fortschritte zu erleben?

Man muss natürlich sehen, dass Afrika noch heute unter den Folgen der jahrhundertelangen Unterdrückung und Ausbeutung durch den Kolonialismus leidet.

Äthiopien ist diesbezüglich aber eine historische Ausnahme.

Das ist richtig. Äthiopien ist insofern eine Ausnahme, als es stets ein feudalistischer, aber selbstständiger Staat war. Er wurde seit 2000 Jahren von den jeweiligen Kaisern und den rund 80 Familien, denen das ganze Land gehörte, aber mindestens so brutal unterdrückt wie die Kolonien der Europäer. So wurden die unterschiedlichen Volksstämme mit Gewalt unter einen Hut gebracht. Erlaubt waren zudem nur zwei Berufe, Bauern und Soldaten.

Stört Sie nicht der autoritäre Charakter des dortigen politischen Systems? Arbeiten Sie mit der Regierung zusammen?

Wenn ich soziale Infrastruktur aufbaue, also Schulen oder Krankenhäuser, kann ich das nicht machen, ohne dass ich Kontakte mit dem dortigen Gesundheits- oder Bildungsministerium habe. Ich muss bis zu einem gewissen Grad zusammenarbeiten, muss wissen, ob die Einrichtungen dem Bedarf entsprechen und ob sie später weitergeführt werden.

Füllen Sie mit Ihrer Hilfe nicht nur eine Lücke, die die Regierung durch eine falsche finanzielle Schwerpunktsetzung aufreißt, etwa durch Rüstung und den kostspieligen Konflikt mit Eritrea?

Ich bin Pazifist und lehne deshalb auch solche militärischen Konflikte ab. Aber die Frage ist doch, wer produziert die dort eingesetzten Waffen, das sind doch die reichen Industrieländer. Diejenigen, die von der Not betroffen sind, sind nicht die Beamten in der Hauptstadt, sondern die Bauern, 80 Prozent der Bevölkerung. Sie haben auch heute noch nicht die Möglichkeit, sich so zu entwickeln, dass sie nicht dauernd wieder in Notlagen geraten. Insofern arbeite ich, unabhängig von den Fehlern einer Regierung, für diese Menschen.

Was haben Sie in den 20 Jahren Äthiopienhilfe erreicht?

Das was wir geschaffen haben, füllt eine lange Liste. Wir haben etwa in den Regionen, in denen wir gearbeitet haben, die landwirtschaftlichen Strukturen verbessert. Zum Beispiel dadurch, dass die Bauern weniger, aber besser genährte Rinder halten, um nicht den dünnen Grasboden zu zerstören. Wir haben aber auch ein agrotechnisches Trainings-College aufgebaut, in dem wir 240 Studenten jedes Jahr die Gelegenheit geben, moderne Landwirtschaft und Mechanik zu lernen.

Wie lange werden diese Projekte weiterexistieren, wenn Sie rausgehen?

Unser Ziel ist es, dass alles von den Menschen vor Ort selbst erhalten und weiterentwickelt werden kann. Wenn wir zum Beispiel Wasserstellen bauen, trainieren wir zugleich Leute aus der Region, das zu reparieren, was kaputt geht.

Ist das Ganze nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Ich habe vor Jahren einmal zufällig Mutter Teresa getroffen und ihr genau diese Frage gestellt. Im Englischen heißt es ja, a drop in the sea, ein Tropfen im Meer. Und sie antwortete, ohne den Tropfen gäbe es das Meer nicht. Ob Sie einem Menschen helfen oder einer Million, das ist irrelevant. Dass Sie etwas tun, etwas in Bewegung setzen, ist entscheidend.

Humanitäre Motive allein dürften aber kaum ausreichen, um einen Kontinent wie Afrika aus seiner Dauerkrise zu bringen.

Es geht ja auch um unser Eigeninteresse. Dass Afrika mit seiner Milliarde Menschen ein Absatzmarkt ist, ohne den unsere Wirtschaft nicht mehr auskommt, haben die Unternehmer noch nicht begriffen. Dass es jetzt etwa in Äthiopien darauf ankommt, zu investieren, nicht für den schnellen Gewinn, sondern damit sich das Land innerhalb einer Generation zu einem gleichwertigen Wirtschaftspartner entwickelt, daran hat noch keiner gedacht. Hinzu kommt ein anderes Eigeninteresse. Ich rede seit 20 Jahren davon, dass die Diskrepanz zwischen Arm und Reich eines Tages zu Katastrophen führt, deren Ausmaß wir uns noch gar nicht vorstellen können. Wir müssen diesen Ländern die Möglichkeit zur Entwicklung geben, nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus der klaren Voraussicht, was passiert, wenn wir nichts tun.

Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen der Armut in Äthiopien?

Die feudale Vergangenheit spielt sicher eine große Rolle, der ungleiche Landbesitz oder das frühere Verbot handwerklicher Berufe. Aber auch die heutige Regierung hat das Land noch kaum privatisiert. Der Boden gehört noch immer nicht den Bauern, die ihn bewirtschaften, sondern einigen wenigen Familien oder dem Staat. Dann kommt hinzu, dass der Kaffeepreis ständig fällt. Wir arbeiten in einer Region, in der intensiv Kaffee angebaut wird. Ein Bauer verdient daraus gerade 30 Mark im Monat. Wenn man bedenkt, wie billig der Kaffee bei uns verkauft wird, dann ist das eine kolonialistische Schande.

Engagieren Sie sich auch politisch, um diese Ursachen zu bekämpfen?

Ich habe Ministerpräsident Meles Zenawi klar gesagt, solange die Bauern nicht über eigenen Grund verfügen, machen zum Beispiel Aufforstungen zur Erosionsbekämpfung keinen Sinn. Er hat mir geantwortet, das verstärke nur die Konzentration des Grundbesitzes.

Vieles, was in Afrika heute schief läuft, basiert auf der Nachahmung europäischer Kultur. Wo sehen Sie Fehlentwicklungen in unserer eigenen Gesellschaft, die Afrika vermeiden sollte?

Das was wir in Europa tun, ist sicher kein empfehlenswerter Weg. Denken Sie nur an die alles dominierende Werbung. Ich sehe auch die Gefahr, dass wir eines Tages von Erfindungen beherrscht werden, die wir nicht mehr kontrollieren können. Das betrübt mich sehr, dass die Äthiopier vieles ungeprüft übernehmen, was hier läuft. Nehmen Sie zum Beispiel die Computerwelt. Man will alles genauso machen wie hier, ohne zu prüfen, ob es richtig ist.

Steckt in der Entwicklungshilfe nicht auch ein Stück Paternalismus, in dem wir Europäer den Afrikanern sagen, wo es langgehen soll?

Ich lehne dies radikal ab. Wir haben deshalb in unserer Organisation unter 635 Angestellten nur vier Europäer. Unsere Arbeit besteht darin, den Menschen bei der Suche nach dem eigenen Weg zu helfen. Ein Beispiel: Ich war vor zwei Jahren in einer völlig abgelegenen Gemeinde, in der so gut wie gar nichts existierte. Ich habe mich dort mit den Dorfältesten zusammengesetzt und sie gefragt, was sie brauchen. Da wurde zunächst die Schule genannt, dann folgte die Wasserversorgung, die Krankenstation und der Zugang zur Straße. Dann habe ich gesagt, okay, wir helfen euch bei der Planung und mit dem technischen Material, das ihr braucht. Wir bringen euch ein paar äthiopische Fachleute - aber den Rest macht ihr. Das heißt, die haben die Schule, die Wasserstelle und die Straße gebaut. Wenn Sie mal in diese Gemeinde gehen und sich das ansehen, werden Ihnen die Leute sagen, das sind unsere Projekte.
 
 

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Dokument erstellt am 23.12.2001 um 21:05:42 Uhr
Erscheinungsdatum 24.12.2001