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Kreditinstitute

Ver.di will Sparkassen retten

Dienstleistungsgewerkschaft verbündet sich mit Bankkunden und Verbraucherschützern

Von Hermannus Pfeiffer, Dortmund

Die goldenen neunziger Jahre sind für die Beschäftigten der Banken und Sparkassen vorbei. Daher lässt auch die Krise der Finanzdienstleister die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di nicht kalt. 126 Delegierte trafen sich in Dortmund zur ersten »Bundeskonferenz Finanzdienstleistungen«. Die Stimmung unter den Spitzengewerkschaftern aus Deutscher Bank, Bundesbank, Allianz und vielen anderen Finanzkonzernen sowie aus den Ver.di-Organen in Bund und Ländern war angespannt, und doch überwog eine kämpferische Lust am Streit, untereinander sowie mit den Unternehmerverbänden und der Bundesregierung. Frank Bsirske, Ver.di-Chef und ehemaliger grüner Funktionsträger in Hannover, kritisierte die rot-grüne Bundesregierung für ihre jüngsten Vorschläge scharf: »Dafür haben wir sie nicht gewählt!« Bsirske warf Teilen der Politik und Wirtschaft einen »Generalangriff« auf die Beschäftigten und die Gewerkschaften vor.

Zwar werde dieser Kurs aus Sozialabbau und gesellschaftlicher Umverteilung bereits seit zwanzig Jahren von den wechselnden Regierungen gefahren, aber der immer wieder versprochene Wirtschaftsaufschwung bliebe aus. Nun wolle die Bundesregierung einen großen Schritt in die alte Richtung machen, statt den Kurs endlich zu wechseln, sagte Bsirske
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Herausgefordert fühlt sich Ver.di auch von den genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken. 180000 Banker sind seit elf Monaten ohne Tarifabschluss. Die Schuld daran gibt der einstimmig zum Leiter des »Fachbereichs 1« gewählte Hinrich Feddersen den Vorständen der Geno-Banken: Sie wollten flexible Gehälter erzwingen, bei denen bis zu 30 Prozent des Einkommens als Provision gezahlt werden. Dies wäre eine Revolution von grundlegender Bedeutung für die gesamte Arbeitswelt in Deutschland. »Das machen wir nicht mit«, betonte Feddersen, »im Grunde betreiben die Genossenschaftsinstitute das Anliegen der privaten Banken.« Weiterhin sei die Gewerkschaft jedoch verhandlungsbereit, und so bietet Ver.di der Arbeitgeberseite immerhin eine Flexibilisierung von vier Prozent des Gehalts offen an.

Ver.dis oberster Finanzdienstleister Feddersen plädierte in der Nähe des Dortmunder Westfalenstadions vehement für den Erhalt der Sparkassen. Die Dreiteilung in private Institute, Genossenschaftsbanken und Sparkassen habe sich bewährt, und für die Sparkassen bricht Feddersen eine Lanze: »Mehr als 320000 Beschäftigte in über 18000 Sparkassenfilialen sorgen für ein flächendeckendes und relativ kostengünstiges Angebot an Finanzdienstleistungen in Deutschland.« Gegen spartenübergreifende Fusionen, wie sie sich vor allem die Frankfurter Großbanken wünschen, werde Ver.di sich zur Wehr setzen, sagte Feddersen unter dem stürmischen Applaus der Delegierten. »Wir wollen keine englischen Verhältnisse, wo die Menschen über 30 Kilometer fahren müssen, um eine Bankfiliale erreichen zu nen.«

Einige lukrative Sparkassen haben bereits bundesweit Begehrlichkeiten bei Konkurrenten geweckt. Im Jahr 2005 werden die staatlichen Garantien wegfallen. Dann könnten die öffentlich-rechtlichen Sparkassen privatisiert werden. Im Saarland plant die Landesregierung bereits eine Änderung des Sparkassengesetzes, um den Weg frei zu machen für die »Sparkassen AG«
Dagegen setzt Ver.di weiterhin auf Sparkassen als öffentliche Anstalt. Nur so könne der Wettbewerb gefördert und die Menschen außerhalb der Ballungszentren vernünftig mit Finanzdienstleistungen versorgt werden. Zudem sind Sparkassen »ein Segen für die regionale Wirtschaft«, lobt Fachreferent Jörg Reinbrecht. Bei Firmenneugründungen soll der Sparkassen-Anteil teilweise bereits bei über 90 Prozent liegen.

Um die Gewerkschaft gegenüber Wirtschaft und Politik schlagkräftiger zu machen, baut Ver.di-Boss Bsirske auf neue Partner, und die hat er in den Kunden der Banken und in den Verbraucherschützern entdeckt. Mit Erfolg
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Mehrere Verbraucherzentralen haben die Kreditwirtschaft für ihre Versuche angeprangert,  die Einkommen der Angestellten stärker an flexible Provisionen zu binden,dies würde die Qualität der Kundenberatung gefährden. Laut Bsirske schaden. Filialschließungen, Personalabbau und Fusionen letztlich vor allem den Kunden. Ver.di sucht daher den »Schulterschluss mit Verbraucherschützern und einen Brückenschlag zu den Kunden«. Sollte Bsirske Erfolg haben, könnten zumindest die Kunden wieder auf goldigere Zeiten hoffen.

(ND 14.04.03)